
Der Ton kippt weg, noch bevor ich bei den letzten Takten von „So What" ankomme, und meine Wangen blähen sich auf wie bei einer sterbenden Gans. Draußen zieht der Nebel übers Münsterland, drinnen im Gartenhaus zähle ich zum x-ten Mal die Takte, die ich diesmal durchhalte. Trompete lernen mit 50 heißt offenbar vor allem: lernen, wie wenig Luft man eigentlich hat.
Kurzer Hinweis vorab: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Kaufst du darüber ein, bekomme ich eine kleine Provision, für dich bleibt der Preis gleich. Ich erwähne hier nur, was ich selbst nutze – aktuell zum Beispiel meinen Trompeten-Kurs. Die vollständige Offenlegung findest du verlinkt.
Um die Lippen und den Ansatz geht es in diesem Text übrigens nicht – dazu gibt es andere Einträge hier auf dem Blog. Hier geht es nur um die Puste selbst: darum, wie viel Luft überhaupt da ist und wie lange sie reicht, wenn man mit 50 zum ersten Mal ein Blechblasinstrument in die Hand nimmt.
Was Trompete lernen mit 50 mit der Lunge macht
Meine Freundin Ottilie hat mich neulich gefragt, ob ich für die Trompete eigentlich extra trainiere. Ottilie bringt mir für gewöhnlich Postkarten von irgendeinem Jazzfestival mit, von dem sie gerade zurückkommt, und diesmal kam die Frage gleich mit dazu. Seitdem sammle ich für sie – und für alle, die mir Ähnliches schreiben – die Antworten, die ich mittlerweile gefunden habe.
Reicht das Üben allein, oder brauche ich extra Sport?
Das reine Üben auf der Trompete trainiert die Puste schon ziemlich gut, aber es ist eben nicht alles. Spaziergänge im Naturpark Hohe Ward helfen mir mehr, als ich anfangs gedacht hätte – nicht, weil man dort bläst, sondern weil die Kondition insgesamt mitzieht. Es ist ein bisschen wie Schwimmen nach Jahren an Land: Der Körper erinnert sich, aber die Ausdauer muss erst wieder aufgebaut werden.
Dazu kommt: Eine B-Trompete verzeiht keinen falschen Druck, und wenn die Kondition insgesamt fehlt, presst man automatisch fester, als gut ist – die Lippen bezahlen dann für etwas, das eigentlich der ganze Körper tragen sollte.
Den Unterschied zwischen Druck und Führung habe ich zuerst über meineMusikschule Trompete begriffen, auch wenn ich an dieser Stelle nicht im Detail erkläre, wie die Atemstütze genau funktioniert – das ist ein eigenes Thema für sich.
Ein zweiter, unterschätzter Punkt ist die Trompete selbst: Wenn Ventile schwer gehen oder sich Ablagerungen im Rohr sammeln, wird jeder Ton anstrengender, als er sein müsste, und das hat mit der eigenen Lunge gar nichts zu tun. Ich habe mich deshalb mit dem Thema versilberte Trompeten richtig reinigen beschäftigt, seit ich gemerkt habe, wie viel leichter die Luft durch ein sauberes Instrument fließt.
Zwischendurch helfen mir auch ganz andere Rhythmen, um überhaupt ein Gefühl für Atempausen zu bekommen. Ich habe mir mal überlegt, nebenbei Cajon spielen zu lernen, nur um den Rhythmus von der perkussiven Seite zu spüren – geworden ist daraus nichts Ernsthaftes, aber der Gedanke an Pausen zwischen den Tönen ist geblieben.

Und wenn mitten im Stück die Luft weg ist?
Genau das passiert mir noch regelmäßig, mitten in „So What" oder bei irgendeiner Tonleiter, die eigentlich schon sitzen sollte. Die Antwort, die mir am meisten geholfen hat, ist unbequem: aufhören, bevor es hässlich wird, statt die letzten Töne mit Gewalt rauszupressen.
Ein sauber abgebrochener Ton ist ehrlicher als einer, der nur noch als Krächzen aus dem Trichter kommt. Ich nutze solche Momente inzwischen auch praktisch: kurz die Wasserklappe öffnen, das Kondenswasser tropft leise heraus, ein kleines Klack-klack auf dem Boden, während ich verschnaufe und neu ansetze.
Warum der Fernkurs per Post bei mir nicht funktioniert hat
Bevor der Online-Kurs kam, hatte ich mir eine gedruckte Trompetenschule per Post bestellt, so eine dicke mit Notenbeispielen von der ersten Seite an. Beim allerersten Beispiel bin ich hängengeblieben – ich konnte die Noten kaum entziffern, geschweige denn gleichzeitig auf den Ansatz und die Luft achten, und nach zwei erfolglosen Abenden landete das Heft ungelesen in der Ecke und sammelte Staub. Noten lesen ist übrigens ein eigenes Kapitel, das ich hier nicht aufmache.

Was danach besser funktioniert hat, war Video statt Papier: dieser Online-Kurs lässt mich Passagen so oft zurückspulen, wie ich will, ohne dass mir jemand über die Schulter schaut. Das nimmt den Druck raus, den das gedruckte Heft bei mir aufgebaut hatte, und ich probiere Dinge eher aus, wenn niemand mitzählt, wie oft ich sie wiederhole.
Ist das riskant, wenn meine Lunge nicht die fitteste ist?
Online liest man oft, man solle die Lungenkapazität maximal ausreizen, tiefer, länger, mehr. Für jemanden mit Asthma oder anderen Atemwegsthemen kann dieses Immer-mehr-Prinzip unangenehm werden. Wer da unsicher ist, sollte das vorher ärztlich abklären, statt sich an langen Tönen zu versuchen, nur weil irgendwo steht, dass mehr Luft automatisch mehr Fortschritt bedeutet.
Rüdiger, der Nachbar zwei Straßen weiter und seit Jahrzehnten Akkordeonspieler, stand neulich mit einer Flasche Bier vor der Gartenhaustür, weil er fand, ich hätte nach dem ewigen Herumprobieren mal eine Aufmunterung verdient. Sein Rat war denkbar unspektakulär: kürzer üben, dafür öfter, und nach jedem Ton bewusst wieder Luft holen, statt gleich weiterzublasen. Klingt banal, hat bei mir aber mehr gebracht als jede Anleitung mit Prozentzahlen.

Mein Fazit, wenn du auch überlegst anzufangen
Neulich bin ich die B-Dur-Tonleiter rauf und wieder runter gegangen, ohne dass sie ein einziges Mal ins Stocken geriet, und ich saß danach einfach nur da und merkte, wie ungewohnt leicht sich das plötzlich anfühlte. Kein großes Aha, eher ein stilles: Ach, das geht ja.
Wenn du selbst überlegst anzufangen: Miss den Fortschritt nicht am Volumen, sondern daran, ob der letzte Ton eines Takts noch genauso klingt wie der erste. Das ist ehrlicher als jede Literangabe, und du brauchst dafür kein Messgerät, nur ein Ohr für den eigenen Ton. Und irgendwann, wenn die Puste erst mal sitzt, nehme ich mir vor, auch noch Kirchenlieder auf der Trompete zu spielen – aber das ist ein Text für ein andermal.
Deine Ingrid