
Ein hoher Luftdruck bringt keinen saubereren Ton – er bringt oft gar keinen. Das ist der Irrtum, mit dem fast jeder Späteinsteiger beim Trompete lernen anfängt, und mit dem ich mich selbst lange herumgeschlagen habe, bevor mir klar wurde, dass Atemtechnik hier das genaue Gegenteil von Kraftaufwand bedeutet.
Klingt zunächst logisch: mehr Luft rein, mehr Ton raus. Dabei ist es eher wie bei einem Gartenschlauch, den man am Ende zusammendrückt, damit das Wasser weiter spritzt – es wird nicht mehr, nur unkontrollierter, und irgendwann kommt gar nichts mehr durch.
Der Irrglaube vom kräftigen Atemstoß beim Trompete lernen
Wer zu fest bläst, presst die Lippen zusammen, bevor die Luft überhaupt zu schwingen anfängt. Der Ansatz spielt dabei natürlich mit, aber das eigentliche Problem sitzt weiter oben, im Kopf, der glaubt, Anstrengung sei automatisch Fortschritt. Genau dieser Denkfehler hat mich mein erstes Jahr mit der Trompete begleitet, obwohl ich es eigentlich besser hätte wissen können.
Ich habe genau das ausprobiert: eine ganze Stunde am Stück, jeden Tag, ohne eine einzige Pause dazwischen, weil ich dachte, Durchhalten sei die Lösung. Nach zwei Tagen war der Ansatz so überreizt, dass an ein sauberes Spielen gar nicht mehr zu denken war – jeder Ton kippte, egal wie sehr ich mich konzentrierte.

Drei Tage lang habe ich das Instrument danach kaum angerührt, weil selbst der Gedanke ans Mundstück unangenehm war. Das war der Moment, an dem ich verstanden habe: Nicht die Menge der Übezeit ist das Problem, sondern der Druck, mit dem ich mich hineingesteigert habe.
Am Anfang klang mein Ergebnis dabei eher nach einer erstickten Gans als nach dem Miles-Davis-Sound auf der Trompete, den ich im Ohr hatte, seit ich als Kind zum ersten Mal „So What" gehört habe. Zwischen diesem Klang in meiner Erinnerung und dem, was aus meinem Instrument herauskam, lag anfangs eine Welt.
Wenn der Druck verschwindet
Nimmst du den Druck weg, passiert das Gegenteil von dem, was man erwarten würde: Der Ton wird nicht leiser oder unsicherer, sondern stabiler. Es fühlt sich an wie Schwimmen nach jahrelanger Pause, der Körper weiß eigentlich noch, was zu tun ist, sobald man aufhört, dagegen anzukämpfen und ihn einfach machen lässt.
Die eigentliche Stütze kommt nicht aus verkrampften Bauchmuskeln, sondern aus einem Zwerchfell, das entspannt bleibt. Wie man das gezielt trainiert, ist allerdings eine andere Geschichte für ein andermal. Für mich hat es erst einmal gereicht zu merken, dass ein weicher, gleichmäßiger Strom mehr bringt als jeder kräftige Stoß.
Neulich abends im Gartenhaus ist mir das zum ersten Mal richtig aufgefallen: ein hohes G, vier Zählzeiten gehalten, und der Ton ist nicht abgerissen, sondern einfach leiser geworden, bis er von selbst verschwunden ist. Kein Zittern, kein Abbrechen mitten im Klang, nur ein sauberes Ausklingen, so wie ein Wasserhahn, den man langsam zudreht, statt ihn abrupt abzuwürgen.
Das Mundstück-Buzzing für Trompete hat mir gezeigt, wie sich dieser lockere Luftstrom überhaupt anfühlt, ganz ohne das Gewicht des Instruments dazwischen. Nach einer Weile mit dem bloßen Mundstück am Mund kribbelt der Rand der Lippen leicht, ein Zeichen, dass die Muskeln arbeiten, aber eben nicht verkrampfen.

Die Nachbarin hört den Unterschied zuerst
Meine Nachbarin Hedwig Zinnecker hat von alldem keine Ahnung – sie hat mit Musik nichts am Hut und würde ein cis von einem des vermutlich nicht unterscheiden können –, aber sie hört trotzdem geduldig zu, wenn ich ihr über den Gartenzaun erzähle, dass wieder ein Ton gekippt ist. Neulich meinte sie nur, es klinge inzwischen weniger nach Presslufthammer und mehr nach Musik. Vielleicht ist das die ehrlichste Rückmeldung, die man bekommen kann, gerade weil sie selbst keinen einzigen Ton benennen könnte.
Auch andere Späteinsteiger tappen in die gleiche Falle
Volker Wiersgalla, ein Gleichgesinnter aus einem Trompeten-Forum, in dem ich gelegentlich mitlese, schrieb mir neulich unter einem langen Beitrag mit Foto seines Mundstücks, er habe lange geglaubt, kräftigeres Blasen bringe automatisch mehr Klangfülle. Bis er genau denselben Denkfehler bei sich entdeckt hat. Es scheint fast so, als würde jeder, der als Erwachsener neu anfängt, zuerst durch diese Phase des Zu-viel-Wollens hindurch müssen.

Die Regel für die Atemtechnik, die seitdem gilt
Die Regel, an die ich mich seitdem halte, ist einfach: Sobald der Nacken sich anspannt oder der Ton kratzig und dünn wird, ist das ein Zeichen für zu viel Druck, nicht für zu wenig Luft. Ich nehme dann bewusst etwas von der Menge weg und achte nur noch darauf, dass der Strom gleichmäßig bleibt, auch wenn er dadurch erst einmal leiser oder unsicherer klingt als gewohnt.
Vielleicht hilft es zu wissen, dass jede Trompete am Ende auf denselben Kammerton gestimmt ist, eine Schwingung, die entweder frei durch das Rohr läuft oder eben nicht, ganz gleich, wie viel Widerstand man selbst aufbaut. Das Instrument entscheidet da nicht mit, das machst allein du mit deinem Kiefer, deinen Schultern und der Frage, ob du dem Ton eigentlich vertraust.
Als ich die erste Tonleiter auf der Trompete sauber durchgespielt habe, ohne mich dabei zu verkrampfen, war das der Moment, in dem der Groschen endgültig gefallen ist: Kontrolle bedeutet hier nicht Kraft, sondern Loslassen. Mein Gartenhaus mit dem alten Klappstuhl und dem klapprigen Notenständer ist dafür ein guter Ort, klein genug, dass niemand sonst zuhört außer Hedwig, gelegentlich, über den Zaun.
Falls du gerade selbst am Mundstück presst, weil du glaubst, das bringe dich schneller zum sauberen Ton: Lass den Druck raus, bevor du mehr Luft nimmst. Der Rest kommt von allein, auch wenn es sich am Anfang falsch anfühlt, weniger zu tun.
Bis bald, deine große Schwester.