
Meine Finger trommeln schon einen Takt auf dem Holz, noch bevor ich überhaupt hinschaue – die Trompete liegt griffbereit daneben, mein Ansatz braucht gerade eine Pause. Cajon lernen war nie mein eigentlicher Plan, aber dieses Rhythmus-Instrument für Anfänger wie mich hat sich einfach so in mein Trompeten-Tagebuch geschummelt, irgendwann zwischen den ersten Frosttagen und Weihnachten. Mit über fünfzig noch mal ganz neu Musik anzufangen heißt bei mir gerade: zwei Baustellen gleichzeitig, und keine davon ist fertig.
Bevor es weitergeht, kurz das Pflichtprogramm: In diesem Text erzähle ich dir auch von Kursen, die ich selbst ausprobiere, und manche Links darin sind Affiliate-Links. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, du zahlst aber keinen Cent mehr. Empfehlen tue ich nur, was mir in meinem Alltag wirklich weiterhilft. Meine vollständige Offenlegung findest du hier.
Der Geschmack vom Mundstück ist inzwischen vertrauter, aber meine Lippen kribbeln nach dem Essen oft noch minutenlang. Schlimmer als die Lippen ist für mich sowieso der Takt. Beim Üben von So What von Miles Davis merke ich jede Woche wieder: Ich schwimme. Jahrelang habe ich Bilanzen geprüft, aber Rhythmus ist eine ganz andere Art von Genauigkeit.
Wieso ausgerechnet eine Kiste zum Trommeln?
Erinnerst du dich noch an unseren Musikunterricht mit der Blockflöte? Danach hielt ich mich fünfzig Jahre lang für unmusikalisch. Keine musikalische Familie, kein Talent, dachte ich zumindest. Im Finanzamt brauchte ich keine Noten, nur Paragraphen – aber in der Frührente kam die Musik zurück, versteckt hinter alten Clifford-Brown-Platten.
Kurz überlegt hatte ich auch, das alte Schlagzeug meiner Tochter vom Dachboden zu holen. Laut wäre es geworden, viel zu laut für die Nachbarschaft, selbst wenn man nur vorsichtig draufklopft. Also suchte ich etwas, das mein Taktgefühl stützt, ohne dass jemand vor der Tür steht.

Kurz vor Weihnachten fiel mir das Cajon in die Hände
So bin ich auf das Cajon gestoßen, diese hölzerne Kiste, auf der man sitzt und trommelt. Es klingt wie ein sehr sanftes Schlagzeug, erdiger, weniger dominant. Ohne Noten zu spielen, nach Gefühl und Gehör, war für einen Kopf wie meinen, der jahrelang nur Logik und Paragraphen gewälzt hat, zuerst beängstigend – und dann überraschend befreiend.
Angeschaut habe ich mir den martin0852 Cajon-Kurs, mit über 160 Lehrvideos und seit 2018 auf dem Markt, was mir als ehemaliger Beamtin ein gutes Gefühl von Stabilität gibt. Wenn mein Ansatz mal wieder streikt oder ich eine Luftblase im Mundstück habe – wie in Woche 1: Warum die Trompete vom Nachbarn erst mal schwieg beschrieben – setze ich mich stattdessen aufs Cajon. Es ist meine leise Rettung für die Tage, an denen die Lippen einfach nicht mehr wollen.
Der App-Kurs, der nach zwei Wochen aufgab
Vor dem Cajon-Kurs von Martin hatte ich einen kostenlosen App-Kurs für Percussion ausprobiert. Die ersten zwei Wochen liefen gut, kurze Übungen, klare Ansagen. Danach hörte die App auf, irgendetwas Neues zu erklären – dieselben Videos wiederholten sich, keine Rückmeldung mehr auf das, was ich falsch machte. Zurück beim eigenen Ohr, das war ernüchternd.
Nach einer längeren Cajon-Runde protestieren meine Handgelenke manchmal, wenn ich aus reiner Kraft statt aus lockerem Handgelenk spiele – deshalb gehört ein kurzes Einspielen inzwischen dazu, bevor überhaupt ein Takt gezählt wird.
Wenn ich danach an der Trompete die Wasserklappe öffne, tropft der gesammelte Atem leise auf den Holzboden – ein kleines Geräusch, das sonntags inzwischen dazugehört.

Was diese Woche sonst noch lief
Meine Atemstütze ist immer noch die Baustelle, an der ich am längsten stehe. Übe tue ich inzwischen fast jeden zweiten Tag, mit Plan statt spontan wie am Anfang. Neulich klemmte ein Ventil richtig fest, und ohne einen Tropfen Öl kam gar kein Ton mehr durch. Die Grifftabelle mit den Ventilkombinationen kenne ich mittlerweile fast auswendig, Noten lesen dagegen ist ein Kapitel, das noch komplett vor mir liegt. Hohe Töne bleiben ein Berg, an den ich mich gerade erst herantaste, und beim Stimmen verlasse ich mich noch aufs eigene Ohr statt aufs Gerät. Mit dem Metronom, das mich am Anfang fast in den Wahnsinn getrieben hat, bin ich inzwischen fast befreundet – wahrscheinlich, weil das Cajon mir den Takt schon in die Hände gelegt hat, bevor der Kopf überhaupt mitgezählt hat.
Buzzen auf dem bloßen Mundstück, ganz ohne Trompete, mache ich inzwischen nebenbei – im Auto, an der Ampel, wenn niemand hinschaut.
In der sechsten Woche saß ich beim Frühstück, Kaffeetasse in der einen Hand, und merkte, wie mein Mund von ganz allein die Form fürs Mundstück suchte, obwohl die Trompete noch drüben im Gartenhaus lag. Der Ansatz sitzt inzwischen tiefer, als ich selbst mitbekommen hatte.
Eine Freundin von mir singt seit Jahren im Kirchenchor der Lambertikirche, und wenn ich ihr von meinem Takt-Problem erzähle, lacht sie nur und sagt, das käme mit der Zeit von allein. Neulich sind wir zusammen durch den Schlosspark der Uni Münster gelaufen, und selbst beim Gehen habe ich unbewusst im Takt meiner Schritte mitgezählt – eine Angewohnheit, die es vor dem Cajon nicht gab.
Der Rhythmus sitzt jetzt in den Händen, nicht im Kopf
Was ich aus den letzten Monaten mitnehme, ist simpel: Rhythmus lernt man nicht im Kopf, sondern in den Händen, und genau deshalb passt ein Instrument wie das Cajon so gut neben die Trompete – nicht als Ersatz, sondern als Übungsplatz für das, was die Ohren später bei jedem anderen Instrument brauchen. Falls du selbst überlegst, mit über fünfzig noch mal neu anzufangen: Du musst dich nicht zwischen laut und leise entscheiden, du kannst beides ausprobieren. Wer keine Lust auf Blechblasinstrumente hat, findet im Cajon-Kurs von Martin einen geduldigen Einstieg in eigenem Tempo.
Nächste Woche schreibe ich dir, wie es mit den Tonleitern weitergeht. Bis dahin wartet das Cajon geduldig in der Ecke.
Alles Liebe,
deine Schwester