
Drei Ventile hat meine Trompete – und trotzdem hängt jeder Ton an genau zwei Lippen. Diese Rechnung geht nur auf, wenn die beiden Lippen locker bleiben. Wer wie ich mit 50 plus Trompete lernt, liest überall denselben Rat fürs Ansatz-Training: Die Lippenmuskulatur muss stark werden, also drücken, halten, durchbeißen, bis es brennt. Hier in meinem Münsterland-Tagebuch steht das Gegenteil: Mehr Druck macht den Ansatz nicht besser, sondern schlechter. Bei mir wurde der Ton erst stabil, als ich weniger gepresst und dafür früher aufgehört habe.
Der Irrtum vom Lippen-Bizeps
Der Gedanke klingt ja logisch. Die Beine werden kräftiger, wenn ich eine Runde um den Aasee gehe und dann noch eine. Also müssten die Lippen kräftiger werden, wenn ich sie so lange arbeiten lasse, bis sie aufgeben. No pain, no gain, sagen die jungen Leute.
Beim Blechblasen ist das ein Missverständnis. Das Mundstück fest gegen die Lippen zu pressen fühlt sich nach Arbeit an, nimmt den Lippen aber die Luft zum Arbeiten. Aus dem Schallbecher kam dann nur ein heiseres Rauschen, als würde ein alter Staubsauger den Geist aufgeben.
Auch auf Papier war die Antwort nicht zu finden. Ein altes Notenbuch aus dem Schulunterricht meiner Tochter habe ich aufgeschlagen, weil ich hoffte, darin stünde irgendwo ein Plan für die Lippen. Stand da nicht. Noten sagen dir, welcher Ton kommt – nicht, was das Gesicht dafür tut. Das Notenlesen hebe ich mir für einen eigenen Sonntag auf.

Die drei Perinet-Ventile nützen mir gar nichts, solange vorne an den Lippen nichts ankommt. Und meine Liebe zu Kind of Blue trainiert leider keinen einzigen Gesichtsmuskel, so oft ich die Platte auch auflege.
Kommt die Kraft aus dem Druck oder aus den Mundwinkeln?
Bei mir kommt sie aus den Mundwinkeln. Der Ton trägt, wenn die Ecken stabil bleiben und das Metall nur anliegt. Mein Kontrollblick nach dem Absetzen ist simpel: Bleibt rund um den Mund ein tiefer Abdruck, als hätte ich Boxtraining hinter mir, war ich zu fest. Sieht man kaum etwas, passt der Druck.
Eine Bekannte aus meinem Töpferkurs an der VHS Münster hat mir neulich erzählt, dass Ton bei zu viel Druck keine Form annimmt, sondern in sich zusammenfällt. Ich musste lachen. Bei mir und dem Mundstück ist es genauso, nur dass es dort um einen anderen Ton geht.
Lockerheit ist auch das Thema in meinem Beitrag Cajon spielen lernen für Anfänger zur Verbesserung des Taktes beim Trompete üben: Wer verkrampft, klingt hölzern und starr. Das gilt für Handflächen genauso wie für Lippen.
Für Tage ohne Instrument – die Nachbarn danken es mir – nehme ich einen Bleistift zwischen die Lippen, nicht zwischen die Zähne, und halte ihn waagerecht. Kurz, nicht als Weltrekordversuch. Sobald ich merke, dass ich ihn eher kneife als halte, lege ich ihn weg.
Lippenmuskulatur stärken heißt: rechtzeitig aufhören
Mein Finanzbeamtin-Tipp klingt erst mal streng: Pausen sind keine Verluste, sondern Rückstellungen. Was ich jetzt nicht verbrauche, steht mir beim nächsten Ansetzen noch zur Verfügung. Deshalb spiele ich fünf Minuten und mache dann fünf Minuten Pause. In der Pause trinke ich einen Schluck Kaffee oder summe leise die Melodie von So What.
Zuletzt hielt ich das hohe G bis zur Vier durch, und es verklang von selbst, rund bis zum letzten Rest, ohne dass ich mit dem Mundstück nachhelfen musste.

Natürlich klappt es nicht immer. Letzten Mittwoch ging gar nichts: schiefer Ansatz, ein rutschiges Mundstück, und der Atem reichte nicht mal für die einfachsten Bindungen. Statt weiterzumachen, kam die Trompete in den Koffer. Dazu habe ich mir ein paar Jazz Alben für Trompete Anfänger zum aktiven Hören und Lernen angehört, Clifford Brown zuerst, und den Lippen einen Tag Urlaub gegönnt.
Das Prickeln im Lippenrand als Stoppschild lesen
Nach längeren Einheiten prickelt mein Lippenrand, wie Brausepulver auf der Zunge, nur eben außen. Die Mundwinkel zittern manchmal ein bisschen mit.
Am Aasee freue ich mich nach einer langen Runde über Muskelkater in den Waden. Bei den Lippen lese ich das Signal anders: als Stoppschild. Absetzen, Trompete in den Koffer, fertig für heute. Ein Ton, der kippt, obwohl ich alles richtig mache, gehört für mich in dieselbe Kategorie.
Ob das für jeden so gilt, weiß ich nicht. Ich bin keine Lehrerin, nur eine, die es an sich selbst ausprobiert.

Neulich habe ich aufgeschrieben, wie ich meine Lungenkapazität für die Trompete im Gartenhaus verbessere. Bei mir gehört das zusammen: Trägt die Luft, muss ich weniger festhalten.
Die Regel für die kommende Woche
Zum Mitnehmen: Wenn der Ton kippt, geht nicht der Druck hoch, sondern die Trompete runter. Fünf Minuten spielen, fünf Minuten Pause. Der Abdruck im Gesicht darf blass bleiben. Und wenn der Lippenrand prickelt, ist Feierabend.
Vielleicht sind Lippen wie ein alter Motor – sie brauchen länger, um warm zu werden, und man darf sie nicht überdrehen. Hab Geduld mit ihnen, gerade wenn du erst mit 50 plus anfängst und dein Kopf schneller sein will als dein Gesicht.
Jetzt gibt es erst mal einen Kräutertee, und die Mundwinkel dürfen sich entspannen. Bis nächsten Sonntag!