
Der Ton selbst braucht heute keine drei Sekunden mehr, um zu sitzen – aber meine Oberlippe braucht danach gut und gerne eine halbe Stunde, um sich zu erholen. Das ist die Wahrheit über das Trompete lernen mit 50, die mir keiner vorher gesagt hat: Der Fortschritt sitzt im Ansatz, aber die Rechnung dafür zahlt die Haut. Wer hier am Rand des Münsterlands im Gartenhaus übt, merkt das schneller als in jedem beheizten Übungsraum – und deshalb ist Lippenpflege für mich längst kein Nebenthema mehr, sondern der Teil des Übens, den ich inzwischen am ernstesten nehme.
Diese Woche kam zum ersten Mal ein hohes G, das ich über vier Zählzeiten halten konnte, ehe es von selbst verklang – kein Abbruch, kein Krächzen, einfach ein Ton, der aufhört, wann er will, und nicht, wann mir die Luft ausgeht. Woche zehn, falls du mitzählst. Direkt danach fühlten sich meine Lippen trotzdem an, als hätte ich stundenlang auf einem Strohhalm gekaut.
Ansatztraining zahlt sich zuerst an den Lippen aus
Zu viel Druck aufs Mundstück spürt man nicht zuerst im Ton, sondern auf der Haut. Das habe ich in den ersten Wochen nicht verstanden und drückte fester, weil ich dachte, Festhalten würde die Töne sicherer machen. Wie man den Ansatz eigentlich trainiert, ohne sich dabei wehzutun, ist ein eigenes Thema für sich; hier soll es nur um das gehen, was danach mit der Lippe passiert. Vorhin, kurz bevor ich mich zum Schreiben hingesetzt habe, ist mir das tiefe C einfach weggekippt, weil die Oberlippe von der letzten Übungsrunde noch taub war. Das ist eine Erinnerung daran, dass Pflege kein Luxus ist, sondern Teil vom Training.
Die Haut an den Lippen ist einfach empfindlicher als am Rest des Gesichts, und ein Metallmundstück, das ständig dagegen drückt, macht das nicht besser. Mehr braucht es an Erklärung dafür gar nicht.

Der Fettstift aus der Drogerie
Mein erster Impuls war natürlich: eincremen, so viel wie möglich, am besten sofort nach dem Üben.
Ich habe mir alles auf die Lippen geklatscht, was die Drogerie im Regal hatte.
Bei mir persönlich ist das nach hinten losgegangen – die Lippen fühlten sich am nächsten Tag noch anfälliger an, als hätten sie verlernt, sich selbst zu regenerieren, sobald von außen ständig nachgefettet wird. Ob das an den Inhaltsstoffen liegt oder einfach daran, dass ich es übertrieben habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen – ich weiß nur, was bei mir im Gartenhaus passiert ist.
Am Anfang hatte ich versucht, mir das alles über einen kostenlosen Kurs in einer App beizubringen. Der war gut, solange es um Haltung und die ersten Töne ging, aber ungefähr ab Woche zwei hörte er auf, irgendetwas zu erklären, das über "einfach weiterüben" hinausging – zur Lippenpflege stand darin praktisch nichts. Also blieb nur Ausprobieren, Woche für Woche, mit den eigenen Lippen als Versuchskaninchen.
Der Lippe eine Pause gönnen
Bevor ich überhaupt an Pflege denke, lasse ich die Lippe erst mal in Ruhe.
Am Zeigefinger klebt noch dieser scharfe, metallische Hauch von frischem Ventilöl, egal wie gründlich ich mir danach die Hände wasche, und ich stehe einfach eine Weile da und spüre dem Pochen nach, bevor ich überhaupt etwas auftrage.
Wer zu früh und zu fett eincremt, riskiert nach meiner Erfahrung, dass die Lippe für den nächsten Tag weniger Halt hat, statt mehr.
Später am Abend, drinnen im Haus, greife ich meistens zu etwas mit Bienenwachs oder einer dünnen Schicht Ringelblumensalbe. Es unterstützt die Haut, ohne sie komplett abzudichten – die Elastizität soll bleiben, nicht in einer Fettschicht verschwinden. Das ist ein bisschen wie beim Cajon lernen für Erwachsene als Rhythmus-Training für angehende Trompeter – man braucht das richtige Maß an Spannung und Entspannung, sonst kommt kein Rhythmus zustande.
Wenn ich merke, dass die Lippe langsam trocken wird, mache ich lieber eine Pause und trinke etwas Wasser, statt weiterzudrücken – so übe ich inzwischen auch die hohen Töne auf der Trompete ohne festzudrücken. Das schont die Lippen mehr als jede Salbe.
Reicht das schon, oder übertreibe ich?
Ich frage mich, ob das schon reicht, oder ob ich es mit der ganzen Fürsorge um zwei Lippen übertreibe, die auch ohne mich seit fünfzig Jahren ganz gut zurechtgekommen sind.
Meine Nachbarin, die im Kirchenchor der Lambertikirche singt, hat mich neulich am Aasee genau das gefragt, als wir uns beim Spazierengehen über den Weg liefen.
Ich habe ihr erklärt, dass ein Chor die Stimme genauso pflegt wie ich meine Lippen – sie meinte nur, bei ihr reiche warmer Tee, bei mir sei das offenbar komplizierter.
Vielleicht hat sie recht. Vielleicht mache ich aus einer kleinen Gewohnheit zu viel Wissenschaft, weil ich als ehemalige Finanzbeamtin gerne alles genau erklärt haben will, auch bei meinem eigenen Körper.
Erst der Ton, dann die Pflege
Die Reihenfolge macht den Unterschied: Ton zuerst, Ruhe danach, Pflege ganz am Schluss.
Wer sofort nach dem Spielen dick einfettet, kämpft am nächsten Tag mit mehr statt mit weniger – das war für mich die eigentliche Lektion aus zehn Wochen Gartenhaus-Übung, nicht irgendein bestimmter Ton.
Morgen Abend, wenn ich wieder im Gartenhaus stehe, mache ich es genauso: erst der Ton, dann die Ruhe, dann, ganz am Ende, die Pflege.